Elsas Herkunft

Familie

1883 kam Elsa Winokurow als Kind deutscher Eltern in Moskau zur Welt. Doch ihre Familiengeschichte führte zurück nach Süddeutschland. Elsas Großvater Franz-Lorenz Rammelmeyer (1824–1871) erbte im badischen Kuppenheim das Wirtshaus „Zum Ochsen“, bevor er kurz nach der dritten Eheschließung mit der Familie nach Karlsruhe zog und dort ein Hotel eröffnete.

Bildtitel: Franz-Lorenz Rammelmeyer und Ida Oberföll, 1870.

Quelle: Sammlung Fotografien aus dem Nachlass Elsa Winokurow. Fotografie. In: Nachlass von Elsa Winokurow (1883-1983). https://opacplus.bsb-muenchen.de/search?id=BV047117118&db=100&View=default. (CC BY-NC-SA 4.0)

Nach dem frühen Tod seiner beiden ersten Frauen, Emilie Götz (1831–1854) und Fanny Oberföll (1837–1863), heiratete Franz-Lorenz Rammelmeyer Fannys Schwester Ida (1848–1928), die Elsa „Tante Ida“ nannte. Die ca. 1870 entstandene Fotografie zeigt das bürgerliche Ehepaar Rammelmeyer in Karlsruhe.

Quelle: Historischer Verein Kuppenheim e.V., Gasthaus zum Ochsen, unbekanntes Datum, Postkarte (Public Domain)

Elsas Großvater betrieb von 1852 bis 1875 das Gasthaus „Zum Ochsen“ im badischen Kuppenheim, hier auf einer Postkarte aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Sein ältester Sohn, Elsas Vater Carl Rammelmeyer (1853–1935), wurde noch in Kuppenheim geboren und wuchs gemeinsam mit drei Brüdern in einem gut situierten Elternhaus auf. Nach Ableistung der Wehrpflicht studierte Carl Kommerzwissenschaften und arbeitete anschließend in einem Tabakgeschäft in hessischem Offenbach. Dort lernte er seine künftige Frau Elise Waller (1856–1945) kennen. Der Tod von Franz-Lorenz Rammelmeyer im Jahr 1871 entschied, so Elsa in ihren Erinnerungen, über die Zukunft seiner Söhne:

„Zwei […] wurden nach Amerika geschickt. Mein Vater erhielt fast noch bei der Beerdigung – in Kuppenheim – das Angebot eines gewissen Chudoroski, nach Petersburg zu gehen und dort in ein Tabakunternehmen einzusteigen. Vater, verbittert über die Lage, die sich an seinem Geburtsort ergeben hatte, nahm dieses Angebot gern an und verließ Deutschland. Dieser Schritt entschied das Schicksal meiner Mutter und von uns Kindern – wir wurden in Russland geboren, wuchsen dort auf und gingen dort zur Schule.“

Quelle: Elsa Winokurow, Erinnerungen, 165. 

Deutsche Unternehmer in Russland

Elsas Familiengeschichte ist Teil einer langen deutsch-russischer Migrationsgeschichte. Schon im 16. Jahrhundert ließen sich deutsche Kaufleute in Russland nieder, doch erst im 19. Jahrhundert erlebte die deutsche Diaspora in St. Petersburg und Moskau eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Gab es zu Beginn des Jahrhunderts 8.000 Deutsche in Moskau, stieg diese Zahl bis zur folgenden Jahrhundertwende auf 17.717, was 1,7% der Stadtbevölkerung ausmachte. Mit der zunehmenden Zahl der Deutschen verstärkte sich auch ihr Zusammengehörigkeitsgefühl. In diesem Prozess spielten zuerst deutsche Kirchen eine zentrale Rolle. Mit der Zeit wurden auch Theater, Klubs und Vereine gegründet sowie im Jahr 1870 die Moskauer Deutsche Zeitung. Über einen außerordentlich guten Ruf verfügten insbesondere deutsche Ärzte und Schulen.

Elsas Kindheit

Nach der Eheschließung in St. Petersburg im Jahre 1877 zogen Carl und Elise Ende der 1870er Jahre zusammen mit der Bremer Familie Kirkaldie nach Moskau.

Quelle: Sjablikow, Sergei, Wosdwischenka, 1890-1902, Fotografie (Public Domain)

Das Haus, das die Familien Rammelmeyer und Kirkaldie in Moskau bezogen, befand sich in der hauptsächlich von Kaufleuten und Beamten bewohnten Wosdwischenka-Straße. Die Postkarte zeigt diese Straße im späten 19. Jahrhundert.

Die Familie Rammelmeyer war finanziell gut situiert und beschäftigte Bedienstete. Elsa besuchte die Petri-Pauli-Mädchenschule, die zur lutherischen Kirche gehörte und eine der ältesten Schulen in der Stadt war. Unter Elsas Klassenkameradinnen fanden sich sowohl deutsche als auch russische und jüdische Kinder, Deutsch und Russisch wurden „gleichzeitig und in gleichem Maße verlangt“ (ebd., 9).  Jahrzehnte später erinnerte sich Elsa: „Wenn ich an die Schulzeit zurückdenke, so würde ich sagen, dass sie insgesamt langweilig und mir bisweilen sogar zuwider war, weil uns nicht der geringste Freiraum gelassen wurde“ (ebd., 16). Umso mehr genoss Elsa die Sommerferien, die ihre Familie jedes Jahr auf der Datscha bei Moskau verbrachte.

Ausblick

Auch wenn Elsa in einer patriarchalischen Gesellschaft aufwuchs, versuchte sie als junge Erwachsene ihren Lebensweg eigenständig zu gestalten. Unter anderem zeigte sich ihre Willensstärke in der festen Entschlossenheit, Ärztin zu werden. Um diesen Wunsch zu verwirklichen, musste Elsa auch in ihrer Zeit immer noch außergewöhnliche Wege gehen. Die Ausstellung erzählt von Elsa Winokurows ereignisvollem und bemerkenswertem Lebensweg als Studentin, Migrantin und Ärztin. Welche Hürden musste sie überwinden, um ihren Traum zu erfüllen? Wie hat ihre bürgerliche Herkunft ihren Werdegang geprägt? Und wie beeinflussten die zentralen Ereignisse des frühen 20. Jahrhunderts in Russland und in Deutschland ihr Leben? Antworten auf diese und weitere Fragen finden sich in Elsa Winokurows umfangreichen Erinnerungen, Korrespondenzen, Fotografien und Familienunterlagen.

Empfohlene Zitierweise: Thorne, Rebecca: Elsas Herkunft, in: Elsa Winokurow - Studentin, Migrantin, Ärztin. Ein bemerkenswertes Leben um die Jahrhundertwende. (https://www.elsa-winokurow-esg.de/elsas-herkunft). CC BY-NC-SA 4.0 ( Datum des letzten Besuchs).