Die bedrohte Gesundheit

Medizinische Versorgung im Russland des 19. Jahrhunderts

Epidemien und Pandemien gehörten im 19. Jahrhundert zur Lebensrealität im Russländischen Reich. Mangelnde Hygiene, fehlende Medikamente und Impfstoffe sowie eine geringe Anzahl an Ärzten und Krankenbetten begünstigten die Verbreitung von Krankheiten wie Pocken, Typhus, Tuberkulose und Pest. Besonders bedrohlich war jedoch die Cholera, die Russland 44 Jahre lang, zwischen 1823 und 1914, immer wieder heimsuchte und insgesamt zwei Millionen Menschen das Leben kostete.

Quelle: Album Cosmopolite, Choix de Sujets, Paysages, Scènes de Mœurs, Marine etc. par les Principaux Artistes de l’Europe et de l’Amérique, 1848, Lithografie.

Zar Nikolaus I. inmitten des Cholera-Aufstands in St. Petersburg im Jahr 1831 – hier auf einer Lithografie nach einer Skizze für ein großes Gemälde von M. Jouy. Die wiederholten epidemischen Ausbrüche der Cholera führten im Russländischen Reich auch zu gesellschaftlichen Unruhen.

In russischen Großstädten war die Gesundheitslage besonders prekär. Ein Beispiel dafür ist die Situation in Moskau, wo die Einwohnerzahl von 349.000 im Jahr 1840 auf über eine Million im Jahr 1897 wuchs. Im Vergleich zum restlichen Land war die medizinische Versorgung dort zwar besser, doch aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte und schlechter hygienischer Verhältnisse verbreiteten sich Krankheiten schneller. Moskau wurde somit immer wieder von Epidemien und Pandemien heimgesucht.

Krankheit und Tod in Elsas Leben

Sowohl die 1883 in Moskau geborene Elsa als auch ihre Geschwister waren „nicht selten krank“ (Elsa Winokurow, Erinnerungen, 105). In ihren Erinnerungen schreibt Elsa, dass sie als Kind wegen Bauchtyphus „sechs Wochen krank [war] und […] zeitweise das Bewußtsein [verlor]“ (ebd., 22). Ihr kleiner Bruder Fritz starb im Alter von nur sieben Jahren, weil er „durch die veraltete Methode eines Arztes […] mit Tuberkulose angesteckt worden [war], der eine Pockenimpfung von Kindern eines Erziehungsheims gleichzeitig auch in unserem Haus durchgeführt hatte“ (ebd., 2). Dieses tragische Ereignis war im damaligen Russland kein Einzelfall.

Gegen die im Russländischen Reich grassierenden Krankheiten gab es im späten 19. Jahrhundert nur wenige Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten. Eine Ausnahme bildete die von Elsa erwähnte Pockenimpfung, die bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts verfügbar war und im Laufe des 19. Jahrhunderts im ganzen Land zum Einsatz kam. Nicht selten kam es aber bei der Impfung zur Ansteckung mit anderen Krankheiten. In den 1890er Jahren starben in Moskau jährlich über 3.000 Menschen an Tuberkulose – mehr als an jeder anderen Krankheit.

Vor dem Hintergrund der zahlreichen epidemischen Krankheitsausbrüche wurde in Russland ab den 1880er Jahren statt der zuvor unzureichend organisierten Gesundheitspolitik schrittweise eine öffentliche Gesundheitspflege etabliert. Die Anzahl der Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken stieg kontinuierlich an. 1870 kamen auf 10.000 Menschen nur 1,5 Krankenbetten, und ein Landarzt betreute im Durchschnitt 95.000 Patienten. 1910 kamen auf 10.000 Menschen immerhin 4,8 Betten, und ein Landarzt betreute im Durchschnitt 28.000 Patienten. In Großstädten wie Moskau verbesserten sich diese Statistiken noch schneller, nachdem dort in den 1880er Jahren ein städtisches Sanitätswesen eingeführt worden war. Auch die hygienischen Verhältnisse wurden durch den Bau einer Kanalisation und den Ausbau der Trinkwasserversorgung zunehmend besser.

Zeugin der Veränderungen

Die Cholera- und die Typhusepidemien, die sich in den 1890er Jahren besonders schnell im Wolgagebiet und in Moskau ausbreiteten, beschäftigten die junge Elsa intensiv. Der freiwillige Einsatz von Medizinstudenten zur Bekämpfung dieser Krankheiten beeinflusste sie so nachhaltig, dass sie den Entschluss fasste, selbst Ärztin zu werden. Obwohl die Lebenserwartung eines russischen Arztes, so schrieb Elsa in ihren Erinnerungen, damals nur 28 Jahre betrug, ließ sie sich durch die selbstlose Hingabe der Ärzte inspirieren. Bestärkt fühlte sie sich in diesem Vorhaben noch zusätzlich durch Turgenews Romanfigur Jewgeni Basarow, die sie bewunderte. Allen gesellschaftlichen und politischen Widerständen zum Trotz legte sie nach dem Auslandsstudium 1908 in Moskau ihr Staatsexamen ab und erwarb das Recht, als Ärztin zu praktizieren.

Schon als Studentin konnte Elsa aus nächster Nähe beobachten, wie sich das russische Gesundheitssystem verbesserte. Allein zwischen 1909 und 1914 stieg die Summe, die das Basmanny-Krankenhaus in Moskau aus der Stadtkasse für die Versorgung einzelner Patienten bekam, von 19 auf 21 Kopeken pro Tag. Elsa arbeitete dort 1907 zunächst kurzzeitig, dann von 1909 bis 1914 als Hilfsassistentin und war auch persönlich an der Verbesserung der Behandlungsmethoden beteiligt. Ab 1909 arbeitete sie zusätzlich in der medizinisch-analytischen Abteilung eines wissenschaftlichen Instituts (vermutlich des 1895 in Moskau gegründeten Bakteriologischen Instituts) und unternahm 1914 im Auftrag des evangelischen Krankenhauses in Moskau eine Reise nach Stockholm, um am dortigen Radiuminstitut eine winzige Menge des gleichnamigen wertvollen Elements zu kaufen. Besorgt über Elsas volle Arbeitstage schrieb ihre Mutter in einem Brief: „Elsa hält Vorträge über Radium & studiert und arbeitet[,] daß sie ganz elend ist“ (Elise Rammelmeyer in einem Brief an Familie Otto und Martha Rammelmeyer, 22. Dezember 1913).

Quelle: Digitalisat der Russischen Staatsbibliothek, Druckerei PP Pawlow, 1913, Fotografie (gemeinfrei)

Das städtische Krankenhaus „Basmanny“ in Moskau 1913, in dem Elsa Winokurow im Jahr 1907 und in den Jahren 1909–1914 als Hilfsassistentin arbeitete.

Elsas Kampf als Ärztin

Trotz spürbarer Verbesserungen blieb die medizinische Versorgung im zarischen Russland sowohl auf dem Land als auch in den Städten prekär. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte zu einer Überlastung des Gesundheitssystems und einer erneuten Verschlechterung der Verhältnisse. Diese Zeit erlebte Elsa hautnah in Moskau. 1914 richtete sie im Alter von lediglich 31 Jahren in einem Schulgebäude ein Lazarett mit 200 Betten
für Schwerkriegsverletzte ein und leitete dieses als Chefärztin während des gesamten Krieges. Nach Kriegsende wurden alle Moskauer Lazarette mit ihren insgesamt 60.000 Betten aufgelöst. Das von Elsa geleitete Lazarett wurde in ein Krankenhaus umfunktioniert und versorgte zunächst Patienten, die unter einer Erysipel-Erkrankung litten, danach Lungenkranke. Elsa selbst arbeitete nach dem Krieg nur noch am wissenschaftlichen Institut.

Empfohlene Zitierweise: Theil, Astrid: Die bedrohte Gesundheit, in: Elsa Winokurow - Studentin, Migrantin, Ärztin. Ein bemerkenswertes Leben um die Jahrhundertwende. (https://www.elsa-winokurow-esg.de/bedrohte-gesundheit). CC BY-NC-SA 4.0 (Datum des letzten Besuchs).