Pogrom 1915

Der Pogrom und seine Folgen

Ein Silberpokal, zwei kleine Ölgemälde im Goldrahmen, ein Damenwintermantel, eine Schreibmaschine mit deutschen und russischen Lettern, außerdem ein Satz kleiner Kaffeelöffel, sechs Kopfkissen, ein Schöpflöffel und ein Teesieb … Das sind nur einige der vielen Gegenstände, die Elsas Familie in dem antideutschen Pogrom des Frühjahrs 1915 verlor.

Zu diesen materiellen Verlusten kamen noch die „durch die Internation verursachte[n] Kosten“ sowie die zahlreichen Besitztümer, die Familie Rammelmeyer bei der Liquidation ihrer Wohnung in Moskau zurücklassen musste. Dazu gehörten etwa eine goldene Herrenuhrkette, eine Teemaschine mit Untersatz, eine Nähmaschine der Marke Singer und ein Sattel mit Zaumzeug. All diese Objekte wurden fein säuberlich in die Liste der Verluste aufgenommen, die Elsas Familie während des Krieges erlitten hatte.

Einlage zur Schadensmeldung des Geschädigten Otto Rammelmeyer an den Bund der Auslandsdeutschen, S. 1-2, 1915. Quelle: Einlage zur Schadensmeldung des Geschädigten Otto Rammelmeyer an den Bund der Auslandsdeutschen. In:  

Nachlass von Elsa Winokurow (1883-1983). https://opacplus.bsb-muenchen.de/search?id=BV047117118&db=100&View=default. (CC BY-NC-SA 4.0)

Die hier abgebildete Auflistung der Pogromschäden hat Elsas Vater Otto Rammelmeyer der Schadensmeldung beim Bund der Auslandsdeutschen als Anlage beigefügt.

Die deutsche Minderheit im Zarenreich vor dem Ersten Weltkrieg

Die Volkszählung von 1897 wies im Russländischen Reich knapp 1,8 Millionen Bürger deutscher Herkunft aus, die vor allem im Baltikum, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und an der Wolga ansässig waren. Anders als die Deutschbalten, die sich bereits im Mittelalter in den späteren Ostseeprovinzen des Russländischen Reiches niedergelassen hatten, waren viele der übrigen Deutschen erst im 18. und 19. Jahrhundert ins Russländische Reich gekommen und hatten sich dort in den spärlich besiedelten Gebieten nördlich des Schwarzen Meeres niedergelassen. Andere lebten wie Elsas Eltern in den Metropolen Moskau oder St. Petersburg.

Gewalt gegen Minderheiten

Im Ersten Weltkrieg gerieten ethnische und religiöse Minderheiten im Zarenreich oftmals zwischen die Fronten. Obwohl auch Russlanddeutsche in der russländischen Armee dienten, wurden Deutsche der Spionage für Deutschland bezichtigt und aus den frontnahen Gebieten ins Hinterland, meist nach Sibirien deportiert. Dies betraf auch Elsas Brüder. Die rechtliche Grundlage dieser Verfolgung waren die 1915 erlassenen Liquidationsgesetze. Diese hatte zur Folge, dass Deutsche in einem 160 Kilometer breiten Grenzstreifen ihren Landbesitz zwangsverkaufen mussten. Zwischen 1916 und 1917 wurde deren Geltungsbereich auf das gesamte europäische Russland ausgedehnt, erst mit der Februarrevolution wurde die Umsetzung dieser Gesetze beendet. Neben den Deutschen waren von der Deportation aus den frontnahen Gebieten in einem noch viel größeren Umfang Polen, Juden, Litauer und Letten betroffen – insgesamt etwa zwei Millionen Menschen.

Antideutsche Pogrome waren während des Ersten Weltkrieges keinesfalls auf Osteuropa beschränkt. Bei Ausschreitungen in England und Wales zwischen August 1914 und Juli 1917 wurden wiederholt die Läden deutscher Kaufleute verwüstet und geplündert und mehrere Personen verletzt. Die zuständigen staatlichen Institutionen blieben dabei oft untätig oder unterstützen die Gewalt sogar. So war auf dem Deckblatt eines Berichts zu den antideutschen Ausschreitungen in Poplar in London etwa zu lesen: „Die Deutschen haben verdient, was sie bekommen haben.“

Hier wird ein Muster erkennbar, das in den Konflikten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierend bleiben sollte. Denn schon in den Balkankriegen 1912/13 hatten – vielfach irreguläre – Milizen Massaker an Zivilisten begangen. Eine besonders verheerende Dimension erreichte diese Politik im Osmanischen Reich, dessen Führung im Windschatten des Ersten Weltkrieges den Völkermord an bis zu eineinhalb Millionen Armeniern in Gang setzte und auch christliche Assyrer und Griechen verfolgte.

Flucht und Exil

Im Russländischen Reich war vor allem die jüdische Bevölkerung andauernder Diskriminierung ausgesetzt: So durften Juden etwa nicht ohne Genehmigung außerhalb des so genannten Ansiedelungsrayons leben und konnten auch nicht Offizier werden. Immer wieder kam es zu antijüdischen Pogromen, so etwa im Jahr 1903 oder nach der russischen Niederlage im Krieg gegen Japan 1905. Die Gewalttaten gegen die Juden, die von den Antisemiten als fünfte Kolonne des feindlichen Auslands betrachtet wurden, setzten sich im Russischen Bürgerkrieg und während des sich anschließenden Roten Terrors fort. Opfer des Terrors wurden neben den Juden aber auch politische Opponenten, Geistliche und sogenannte „Klassenfeinde“.

Viele dieser politisch, rassistisch oder religiös Verfolgten gingen – genau wie Elsa – in die Emigration: Sie wanderten ins europäische Ausland aus, zahlreiche Juden auch nach Nordamerika oder in das spätere Britische Mandatsgebiet in Palästina und bauten sich in diesen Ländern eine neue Existenz auf. Andere waren weniger glücklich und fielen den Gewalttaten des 20. Jahrhunderts zum Opfer, wurden wie Elsas Mann Dmitri zu politischen Häftlingen, oder aber sie verschwanden einfach unter ungeklärten Umständen.

Empfohlene Zitierweise: Heitmann, Christian: Pogrom 1915, in: Elsa Winokurow - Studentin, Migrantin, Ärztin. Ein bemerkenswertes Leben um die Jahrhundertwende. (https://www.elsa-winokurow-esg.de/pogrom-1915). CC BY-NC-SA 4.0 (Datum des letzten Besuchs).