Bürgerliches Leben: Musik und Literatur

Äußerlich geprägt, innerlich erlebt: Die Kunst in der bürgerlichen Lebenswelt

Das Ideal des bürgerlichen Lebens bezeichnete eine bestimmte Art, sich als Einzelner und als Mitglied der Gesellschaft zu verhalten. Es beinhaltete die selbstständige Aneignung und Praktizierung von Grundsätzen, Werten und Eigenschaften wie Fleiß, Ordnungsliebe oder Pflichtbewusstsein, die der Selbstverantwortlichkeit jedes Individuums entspringen. Da sich die Bürger auch im sozialen Miteinander von diesen Werten leiten ließen, wurden diese zu gesellschaftlichen Normen.

Ein zentrales Anliegen des Bürgertums war die selbsttätige Bildung. Sie wurde einerseits als Arbeit des Individuums an sich selbst, andererseits als fortwährender gesellschaftlicher Prozess verstanden. Im Austausch mit anderen schulte das Individuum den eigenen Charakter, vervollkommnete sich selbst und damit auch die Gesellschaft. Eine besondere Rolle spielte dabei die musische Bildung. Umfassende Belesenheit und die Beherrschung eines Instruments waren in diesem Zusammenhang ebenso wichtig wie das gemeinsame Lesen und Musizieren oder ausgiebige Unterhaltungen über Literatur und Musik.

Prägende Lektüre

Elsa schuf sich am Leitfaden ihrer Lektüre eine eigene Werteordnung. Als sie sich mit 13 Jahren der klassischen russischen Literatur widmete, hinterließ der Idealismus des Arztes Basarow aus Iwan Turgenews Roman Väter und Söhne einen so nachhaltigen Eindruck, dass sie von da an ausdrücklich nach dessen Vorbild den Arztberuf ergreifen wollte.

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Quelle: Iwan Turgenew: Väter und Söhne, München 2003, 34f.; Übersetzung: Manfred von der Ropp; gelesen: Serafín Unglert.

Der Familienroman Väter und Söhne von Iwan Turgenew behandelt die gesellschaftlichen Verwerfungen im Russländischen Reich kurz vor der Abschaffung der Leibeigenschaft 1861.

Jahrzehnte später notierte Elsa: „Ich merkte nicht, dass mein Ideal, der Arzt Basarow, grob und auf seine Weise egoistisch war – in meinen Augen war er ein Held, er half dem einfachen Volk, wo er konnte, und starb heroisch und unbeugsam an einer Sepsis, mit der er sich infiziert hatte“ (Elsa Winokurow, Erinnerungen, 55). Trotz aller Begeisterung konnte die junge Elsa Basarows Sicht auf das weibliche Geschlecht hingegen wenig abgewinnen: „Seine Bemerkung über [eine weibliche Romanfigur] kränkte mich. Wieso denn: ‚eine Frau, dann ist es mit dem Verstand nicht weit her‘? Warum so eine beleidigende Ansicht?“ (ebd.)

Eine andere prägende Leseerfahrung war für Elsa Die Frau und der Sozialismus von August Bebel (1840–1913): „Von diesem Moment an veränderte sich der Boden, auf dem ich stand“ (ebd.). Der 1879 erschienene, sehr erfolgreiche und bald in viele Sprachen übersetzte Text des deutschen Sozialdemokraten kursierte im Russländischen Reich um die Jahrhundertwende in progressiven linken Kreisen. Elsa lieh ihn von einem Schulfreund ihres Bruders Carl aus und notierte nach der Lektüre: „Bebel trat für die Gleichberechtigung der Frau ein und war der Ansicht, dass die Unterordnung der Frau auf vielen falschen Annahmen basiert“ (ebd.).

Quelle: Serafín Unglert.

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Quelle: August Bebel: Die Frau und der Sozialismus, Stuttgart 1911, 3. gelesen: Serafín Unglert.

Jubiläumsausgabe aus dem Jahre 1911 von Die Frau und der Sozialismus von August Bebel.

Bildung wurde für Elsa somit zum Vehikel ihrer eigenen Emanzipation. Ihr Wille zu studieren speiste sich aus ihrem festen Glauben an die schlummernden Potentiale des weiblichen Geschlechts und aus ihrer Auffassung von Hilfs- und Opferbereitschaft. Diese Überzeugungen waren unter anderem eine Frucht ihrer umfangreichen Lektüre.

Bildtitel: F. Stepun und Elsa Winokurow in Goslar. Ca. 1946.

Quelle: Sammlung Fotografien aus dem Nachlass Elsa Winokurow. Fotografie. In: Nachlass von Elsa Winokurow (1883-1983). https://opacplus.bsb-muenchen.de/search?id=BV047117118&db=100&View=default. (CC BY-NC-SA 4.0)

Auf Elsas Lektüreliste standen auch die Texte des von ihr geschätzten Schriftstellers und Denkers Fjodor Stepun. Aufgeschlossen wie sie nun einmal war, blieb sie nach Kriegsende zwei Jahrzehnte lang mit Stepun in Briefkontakt.

Erlebtes Musizieren

Bildtitel: Datsche Kljasma, undatiert.

Quelle: Sammlung Fotografien aus dem Nachlass Elsa Winokurow. Fotografie. In: Nachlass von Elsa Winokurow (1883-1983). https://opacplus.bsb-muenchen.de/search?id=BV047117118&db=100&View=default. (CC BY-NC-SA 4.0)

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Quelle: Nocturne in Es-dur op. 9 Nr. 2 von Frédéric Chopin; Einspielung: Serafín Unglert.

Elsa widmete einen großen Teil ihrer Aufzeichnungen der Kunstmusik. Besonders in den ausgedehnten Sommerferien auf der Datscha der Familie wurde der Musikgenuss hochgehalten.

Bereits als junges Mädchen lernte Elsa Klavier zu spielen und das auf einem beachtlichen Niveau. Die musikalische Bildung und ihr Interesse für Kunstmusik entsprachen ganz den äußerlich geprägten und innerlich erlebten bürgerlichen Werten. Als der Sänger Aleksander Wladimirowitsch Bogdanowitsch, mit dem sie befreundet war, im August 1902 vor seinem ersten Engagement in Moskau stand, probte die 19-jährige Elsa mit ihm in der Datscha auf diesen Moment hin: „Noch heute denke ich dankbar an diese ernste und intensive Arbeit zurück, die mir viele neue Erkenntnisse und großen Genuss schenkte […]. Ich hatte in meinem jugendlichen Alter überhaupt keine Ahnung von Gesang und überhaupt von Kunst und wusste nicht, dass auch die Kunst große Anstrengungen erfordert“ (ebd., 226). Bogdanowitsch gab schließlich am Bolschoi-Theater die tragische Rolle des Lenski in Pjotr Tschaikowskis Oper Eugen Onegin und war anschließend mehrere Jahrzehnte als Tenor in Moskau tätig. Über das erfolgreiche Debut ihres Freundes notierte Elsa: „Heute ist mir natürlich klar, wie ernst jeder Künstler seine Aufgabe nimmt und mit welchem bisweilen heroischen Einsatz er an die Erarbeitung der letzten Details herangeht, um Vollkommenheit zu erreichen“ (ebd.). 

Quelle: Tatjana Marschkowa: Bolschoi Teatr, Zolotye golosa. Moskau 2011, S. 91

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Quelle: Gramophone & Typewriter Ltd. (Hg.): 2-22550 1392z, St. Petersburg 1904?

Aleksander Bogdanowitsch singt „Sie war dein eigen“, op. 7 Nr. 1, von Aleksander Gretschaninow. Text: Alexei Apuchtin. Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahre 1904. Wer Bogdanowitsch am Klavier begleitet, konnte nicht ermittelt werden.

Empfohlene Zitierweise: Unglert, Serafín: Bürgerliches Leben: Musik und Literatur, in: Elsa Winokurow - Studentin, Migrantin, Ärztin. Ein bemerkenswertes Leben um die Jahrhundertwende. (https://www.elsa-winokurow-esg.de/b%C3%BCrgerliches-leben). CC BY-NC-SA 4.0 (Datum des letzten Besuchs).