Ausblick

Elsa Winokurow, die 1983 kurz vor ihrem 100. Geburtstag verstarb, lebte ein bewegtes Leben. Ihre Leidenschaft galt bereits seit Kindertagen dem Beruf der Ärztin, ein Wunsch, der sie zum Studium in die Schweiz und nach Deutschland führte, wo sie schließlich eine eigene orthopädische Praxis gründete. Ein nicht minder drängendes Anliegen war ihr die Emanzipation der Frau, die sie nach Kräften gefordert und gefördert hat. Elsas Ausdauer und Disziplin war es zu verdanken, dass sie sich nach der Ankunft in Deutschland 1920 beruflich durchsetzen konnte. Dies war alles andere als selbstverständlich, denn ihre Ausbildung wurde nicht vollständig anerkannt. 1922 absolvierte sie erfolgreich das Staatsexamen, wurde ein Jahr später approbiert und trotz einiger Widrigkeiten 1928 als Fachärztin zugelassen.

Approbationsurkunde von Elsa Winokurow, 1923.

Quelle: Ego-Dokumente zu Elsa Winokurow, geboren Rammelmeyer. In: Nachlass von Elsa Winokurow (1883-1983). https://opacplus.bsb-muenchen.de/search?id=BV047117118&db=100&View=default. (CC BY-NC-SA 4.0)

Während ihrer Assistenztätigkeit von 1925 bis 1930 im Annastift in Hannover erweiterte sie ihre chirurgischen Kenntnisse um orthopädisches Fachwissen und eröffnete kurz darauf ihre eigene Praxis für Orthopädie. Infolge eines Luftangriffs auf Hannover 1943 musste sie die Stadt verlassen und setzte ihre Tätigkeit zunächst in Goslar fort. Erst 1955 kehrte sie nach Hannover zurück und gehörte bis zu ihrer Pensionierung 1961 zu den renommiertesten Ärzten in dieser Stadt. Elsa dachte aber noch lange Zeit nicht an Pensionierung: „Mein hochmoderner Röntgenapparat altert viel schneller als ich“!

Empfehlungsschreiben, S. 2, 1956.

Quelle: Ego-Dokumente zu Elsa Winokurow, geboren Rammelmeyer. In: Nachlass von Elsa Winokurow (1883-1983). https://opacplus.bsb-muenchen.de/search?id=BV047117118&db=100&View=default. (CC BY-NC-SA 4.0)

Die zweite Seite in ihrem Empfehlungsschreiben von 1956

Wenn Turbulenzen das Leben prägen, bieten Kontinuitäten Halt und sind ein Quell der Zuversicht. Neben der Medizin waren für Elsa auch ihre kulturellen Interessen zeitlebens von großer Bedeutung. Aufgewachsen mit den Klassikern der französischen und der russischen Literatur und tief geprägt durch die Bebel-Lektüre ihrer Jugend, beschäftigte sie sich auch später intensiv mit Literatur. Ihr Jahrzehnte währender Briefwechsel mit dem Autor Fjodor Stepun und viele Lyrikabende, die sie in Goslar veranstaltete, zeugen von Elsas beständiger Begeisterung für die Poesie. Trotz ihrer bescheidenen finanziellen Mittel fehlte auch in Goslar nie der Flügel im Haus. Elsa spielte ihr Leben lang Klavier, besuchte Konzerte und pflegte Freundschaften mit Musikern. Nicht zuletzt sind es auch tägliche Rituale, die einem Leben Kontinuität und Konstanz geben. Wohin Elsas Weg sie auch führte, stets blieb sie den bürgerlichen Formen der Etikette und des Anstands treu, und sei es auch nur, dass sie alte Bekannte zum Kaffeekränzchen zu sich einlud – in Sonntagskleidung und mit dem besten Geschirr selbstverständlich. 

Noch im Alter von 90 Jahren fand Elsa die Kraft, ihre Erinnerungen bis zur Ankunft in Deutschland zu Papier zu bringen. Erneut durchlebte sie diese entschwundene Zeit im Geiste und schrieb – auf Russisch. Offenbar erlebte es die inzwischen hochbetagte Frau als beglückend, über die für sie wohl schönste Zeit ihres Lebens in der Sprache ihrer Kindheit zu schreiben. Wir verdanken es Elsas Neffen Matthias Rammelmeyer, dass ihre Memoiren – auch in deutscher Übersetzung – weiteren Generationen Interessierter zur Verfügung stehen. Im Nachlass der Familie finden sich außerdem zahlreiche Schriftstücke, Briefe und Fotografien, die faszinierende Einzelheiten über Elsa Winokurows Leben und ihre Zeit preisgeben. Ein Blick zurück in die Vergangenheit mit den Augen einer Frau, die selbst dabei war, ist auch für uns Nachgeborene in jedem Fall eine Bereicherung.